„Schön, dass Sie Zeit für mich haben!“Pfarrer Martin Hezel, leitender Seelsorger im Klinikum Großhadern, MünchenWEGBEREITER: Wie sind Sie dazu gekommen Krankenhausseelsorger zu werden? Pfarrer Hezel: Nach meinem Theologiestudium wusste ich nicht so richtig, ob ich noch Priester werden wollte. Klar aber war mir, dass ich für Menschen da sein möchte. Im Studium selbst hatte ich ein vierwöchiges Praktikum im Krankenhaus gemacht, das mir sehr gut gefiel. An dieses erinnerte ich mich und so hatte ich die Idee für ein Jahr in ein Krankenhaus zu gehen, um in der Pflege und Seelsorge mitzuarbeiten. Diese Zeit war für mich persönlich eine sehr wichtige. Ich lernte viel über mich selbst in der Begegnung und Begleitung kranker und sterbender Menschen und deren Angehöriger. Diese Zeit prägte mich sehr stark. Ich spürte am richtigen Platz zu sein; und mir war klar, dass ich diese Arbeit weiter tun möchte. Mein Glaube und der Austausch mit anderen Seelsorgern darüber ließen dann doch schnell wieder den Wunsch entstehen und die Sehnsucht wachsen als Priester für kranke und sterbende Menschen da zu sein. Die ganze Zeit seit meiner Priesterweihe 1992 trug ich diese Erfahrung wie einen kostbaren Schatz in mir, der mich motivierte, dieses Ziel, als Seelsorger im Krankenhaus zu arbeiten, zu verfolgen. Seit 1.10.2005 bin ich nun leitender Pfarrer im Klinikum Großhadern, das 1400 Betten hat. WEGBEREITER: Können Sie kurz Ihren Arbeitstag im Krankenhaus beschreiben? Pfarrer Hezel: Wie überall, ob in der Pfarrei oder jetzt im Krankenhaus gibt es viel zu organisieren und mit den Mitarbeitern zu besprechen. Das reicht von Gesprächen mit den Direktoren der Klinik über die Pflegebereichsleiter, die sozialen Dienste bis hin zur Öffentlichkeitsarbeit im Haus. Grundsätzlich hat aber immer der kranke Mensch den Vorrang. Die Einstimmung in meinen Arbeitstag beginnt bei mir schon zu Hause, wenn ich die Psalmen bete. Immer bete ich für unsere Kranken im Hause und vertraue sie im Gebet Gott an. Wenn ich zwischen 8.00 Uhr und 9.00 Uhr in die Klinik komme, dann kann es sein, dass schon ein Ruf von einer Station kommt und nach einem Seelsorger verlangt wird, weil ein Patient ein Gespräch benö-tigt, gerade verstirbt oder schon verstorben ist. Wenn die Stationen nicht nach mir/uns fragen, dann gehen wir in die Stationen und besuchen die Kranken, dabei spielt die Konfession oder Religion keine Rolle. Ich tue schlicht das, was Jesus uns in Mt. 25,36 aufgetragen hat: „Kranke besuchen“. So bunt und tragisch wie das Leben ist, so kommt es auch bei diesen Besuchen vor. Vom „netten“ Besuch: „Schön, dass Sie Zeit für mich haben!“, bis hin zu religiösen Gesprächen. Oft sind es Gespräche, die das Thema Angst zum Inhalt haben und die bange Frage, wie es mit dem Menschen nach dieser Krankheit weitergehen wird. Manchmal bin ich auch Brückenbauer zwischen den Patienten und den Pflegern, Schwestern oder Ärzten. Natürlich bringen die Mitarbeiter oder ich auf Wunsch die Krankenkommunion. Ich spende die Sakramente bis hin zur Nottaufe und feiere Gottesdienste in der Klinikkirche. Den ganzen Tag bin ich erreichbar und wenn ich Rufbereitschaft habe, auch in der Nacht bis am anderen Morgen um 8.00 Uhr. WEGBEREITER: Sie sind der leitende Seelsorger. Wie viele Mitarbeiter haben Sie und wie unterscheiden sich die Aufgaben bei Ihnen? Pfarrer Hezel: Zunächst sind wir ein Team von acht Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Davon haben vier nur eine halbe Stelle. Ich bin der Teamleiter und stehe in engem Kontakt mit den Direktionen der Klinik und bin auch für die Außendarstellung unserer Arbeit verantwortlich. Es gibt viel zu organisieren z. B. die Einführung neuer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Klinik oder der „Unterricht“ an der Krankenpflegeschule. Natürlich bin ich verantwortlich für alle liturgischen Feiern, die in unserer Klinikkirche stattfinden. Grundsätzlich teilen wir unsere Arbeit kollegial auf. Das geht sehr gut und dafür bin ich auch dankbar. WEGBEREITER: Ist es nicht frustrierend jeden Tag mit Leid und Krankheit zu tun zu haben? Pfarrer Hezel: Frustrierend ist es nicht. Es ist manchmal sehr anstrengend und Kräfte zehrend. WEGBEREITER: Stellen Sie sich oft die Frage: „Warum gibt es so viel Leid?“ Pfarrer Hezel: Bewusst stelle ich sie mir nicht, aber sie wird mir oft gestellt von Patienten und Angehörigen. Es ist die Frage nach dem „Warum“. Es war und ist für mich ein Lernprozess, dass ich mir eingestehe, dass es auf diese Frage hier, jetzt an diesem Bett, bei diesem Sterben und dieser konkreten Not keine Antwort gibt. Das sage ich und dazu stehe ich auch in der jeweiligen Situation. Aber ich sage auch, dass ich glaube, dass Gott in diesem Leid da ist, auch wenn ich es gerade nicht verstehen, glauben oder sehen kann. Denn Gott, so glaube ich, ist einer, dem unser menschliches Leben nicht fremd ist. Meine Antwort auf diese Frage ist, dass ich mit aushalte und solidarisch bin mit den Menschen, die das Leid und den Schmerz gerade ertragen und aushalten müssen. WEGBEREITER: Wenn Sie so viel mit Leid und Krankheit zu tun haben, sind Sie auch mit dem Thema Euthanasie konfrontiert worden? Pfarrer Hezel: Ich erinnere mich an eine alte Frau, die nach einem Seelsorger verlangt hatte. Als ich sie besuchte, war die erste Frage, ob ich eine Tablette für sie dabei hätte, denn sie möchte sterben. Sie meinte, es wäre doch meine Aufgabe, Menschen in den Tod zu begleiten. Wir unterhielten uns sehr lange über ihren Wunsch zu sterben. Ich versuchte ihr klar zu machen, dass ich dies von meinem Glauben her gar nicht tun könnte und außerdem das auch in Deutschland verboten ist. Natürlich kann ich manchmal den Wunsch des Patienten nach einer aktiven Sterbehilfe nachvollziehen, wenn das Leben nur noch als schweres Leid und mit Schmerzen verbunden ist und scheinbar keine Perspektive zu haben scheint. Doch so wenig wir manipulativ beim Entstehen des Lebens eingreifen dürfen, dürfen wir es auch am Ende des Lebens nicht tun. Gott, so ist meine tiefste Überzeugung, dürfen wir Menschen nicht ins „Handwerk“ pfuschen. Alles, was uns in der modernen Medizin an schmerztherapeutischen Maßnahmen zur Verfügung steht, sollen wir natürlich einsetzen, um das Leiden und die Schmerzen so erträglich wie möglich zu machen. WEGBEREITER: Was macht Ihnen an Ihrer Arbeit besonders Freude? Pfarrer Hezel: Die Begegnung mit den unterschiedlichen Menschen und die Wichtigkeit meiner Arbeit. Ich begegne Menschen, die mir ihre Lebensgeschichte anvertrauen, als ob sie mich schon immer kennen würden. Das fasziniert mich und ich fühle mich dadurch reich beschenkt. Freude an dieser Arbeit macht mir aber auch, dass ich selbst über mich und meine Beziehungen immer mehr lerne und erfahre. WEGBEREITER: Sind Sie auch Seelsorger für das Personal? Pfarrer Hezel: Das Wort Krankenhausseelsorger sagt dies schon. Ich bin Seelsorger für alle im Krankenhaus arbeitenden Menschen. Auch dies ist spannend und herausfordernd. WEGBEREITER: Bevor Sie als Krankenhausseelsorger angefangen haben, waren Sie ziemlich lang als Pfarrer tätig. Vermissen Sie Ihre Pfarrei nicht? Pfarrer Hezel: Ich war insgesamt mit meiner Ausbildung 14 Jahre in der Gemeinde tätig. Vieles vermisse ich überhaupt nicht. Manchmal wünschte ich mir an den kirchlichen Hochfesten eine richtig feierliche Liturgie mit Chor und Orchester und vielen Menschen. Auch die Unbekümmertheit und Unbeschwertheit mit der mir Kinder in der Pfarrei begegnet sind, fehlt mir manchmal. Aber unter dem Strich, war es für mich die richtige Entscheidung. WEGBEREITER: Wie sieht die Zusammenarbeit mit den evangelischen Kollegen aus? Pfarrer Hezel: Wir haben in der Klinik ein ökumenisches Seelsorgezentrum, das von der Klinikleitung auch so wahrgenommen und gewünscht wird. Wir arbeiten grundsätzlich auf den Stationen ökumenisch und nicht konfessionell streng getrennt. Wenn ein Patient eine konfessionelle Betreuung wünscht, bekommt er sie natürlich. Wir organisieren und stimmen unsere Arbeit immer in ökumenischen Dienstgesprächen ab, welche alle vier Wochen stattfinden... Alle Inhalte besprechen wir. Wir schöpfen alle Möglichkeiten zur ökumenischer Zusammenarbeit auf allen Ebenen aus, die uns von den beiden Kirchen möglich sind. Gemeinsame Wortgottesdienste feiern wir an den Feiertagen. Da wir gemeinsam eine Kirche haben, sind wir aufeinander angewiesen und das ist auch gut so. Unsere Zusammenarbeit ist gut und fruchtbar. Manchmal wünschte ich mir, dass mehr möglich wäre. Die Patienten sind sehr offen und dankbar für diese Weite. WEGBEREITER: Was würden Sie sich wünschen? Pfarrer Hezel: Ich würde mich freuen, wenn wir noch mehr ökumenische Zusammenarbeit hätten. Auch wäre es für unsere Arbeit sehr wünschenswert, wenn unsere Pastoralreferenten und –referentinnen die Krankensalbung spenden könnten. Das wäre mein größter Wunsch, was meine Arbeit hier im Krankenhaus betrifft. Überhaupt wäre die Aufwertung der hauptamtlichen Laien in unserer Kirche nicht nur wünschenswert sondern vonnöten.
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