“Die Zärtlichkeit der Seelsorge”von Ralph Ivanovs, Pastoralreferent, Klinikseelsorger, HannoverKurz bevor ich mich von der Patientin verabschiedete, sagte sie ein wenig feierlich und mit wohl gesetzten Worten zu mir: “Ich danke Ihnen für Ihre ermunternden und trostreichen Worte!” - Was war passiert? Mitarbeiter der Station hatten mich auf Frau M. aufmerksam gemacht; sie sei recht verschlossen, sie fänden keinen Zugang zu ihr. Alle auf Station hätten den Eindruck, dass sie innerlich sehr aufgewühlt sei und ein hohes Mitteilungsbedürfnis habe. Sie könne sich nicht öffnen um ihre Not einem anderen zeigen - sie hätten alle schon einige Anläufe gemacht. So wurde ich gebeten, “es doch einmal bei ihr zu versuchen”. Nach dem Anklopfen stellte ich mich kurz vor und sagte ihr, dass ich einfach mal bei ihr hereinschauen wolle, sie könne mich wieder hinausschicken, wenn ich ungelegen kommen sollte. Sie deutete wortlos auf den Stuhl neben ihrem Bett. Ich hörte ihr zu, nickte, schaute sie an und war einfach aufmerksam präsent. Ich hatte nichts gesagt! Nur sie hatte gesprochen - und wie! Sie hatte suchend und deutend auf ihr Leben geschaut, auf ihre Beziehung zu sich selbst, die Beziehung zu ihren Mitmenschen und auch auf die Beziehung zu Gott; - und konnte sich vergewissern, dass sie schon oft in tiefen, aussichtslos scheinenden Krisen gesteckt hatte. Das muss so ermutigend auf sie gewirkt haben, das sprach so unvermittelt und direkt aus ihr heraus, dass sie meinte, es hätte jemand anders - der Seelsorger - zu ihr gesprochen. Uralte eigene innere Stimmen bekamen ganz frische, neue Luft und ließen nun Erfahrungen des Lebens in neuem Licht erscheinen! Krankenhausseelsorge ist nach meiner Überzeugung und Erfahrung zunächst und zuallererst einmal Beziehungssorge! Die drei Beziehungsfelder, in denen jeder Mensch lebt (: - zu sich, zu den Mitmenschen, zu Gott) erfahren im Laufe des Lebens unzählige Irritationen, Schwächungen und Anfragen, so dass sie ins Ungleichgewicht zueinander geraten, und der Mensch sich in einer Sinnkrise erlebt. Ich hatte ihr durch meine nichts vorgebende und sie auf nichts festlegende Präsenz die Möglichkeit gegeben, auf diese Beziehungsfelder zu schauen und sie zu deuten, nebeneinander zu halten, in neuem, anderem Licht zu sehen, als sie all die Jahre vorher die Möglichkeit hatte. Sie erkannte manches für sinnlos Gehaltene als sinnvoll für ihr späteres Leben - Sinn, den sie sich alleine und aus sich selbst heraus so nicht zusprechen konnte, - so allein. Vor den Menschen in ihrer näheren und nächsten Umgebung war es ihr nicht möglich, sich so mit dem Blick zurück und nach innen zu öffnen; da war ja immer auch die Sorge, sich evtl. schämen zu müssen oder sich lächerlich zu machen, sich mit dem Geoffenbarten dem anderen auszuliefern oder von ihm bewertet zu werden. Bei diesem Fremden, diesem Zufallsbesucher hier auf Station hatte sie den Schritt gewagt und sich selbst neue Einblicke auf ihr Leben und neue Deutungen geben können. Wie trostreich das für sie war! Dies kann in „aufmerksamem und aktivem” Schweigen und Zuhören geschehen wie bei dieser Frau (Momo, Hauptfigur im gleichnamigen Buch vom Michael Ende, wurde wohl so erlebt); genauso kann sich dieses Gefühl auch durch ein gelungenes Gespräch einstellen - aber eins habe ich für mich deutlich akzeptiert: Trost kann man nicht zusprechen. Trost kann man niemandem geben! Trost kann lediglich in einer vertrauensvollen und ehrlichen Beziehung und in einer stimmigen Atmosphäre aus dem Betroffenen selbst kommen - in ihm zu sich selbst aufsteigen. „Ach du Schei…, jetzt kommt der auch noch…!” Eine andere Welt - ein deftig-derber Empfang. Chirurgie: 4-Bett-Männerzimmer. Einen Augenblick vorher hatte ich das Zimmer betreten, hatte mich als Seelsorger auf dieser Station vorgestellt und war gerade dabei, den Patienten im linken vorderen Bett persönlich zu begrüßen, da kam ihm der Patient im rechten Bett am Fenster mit seiner Art der Begrüßung zuvor. Ich ließ mich (zumindest sichtbar) nicht irritieren und nahm Kontakt zu den beiden Patienten in den linken Betten auf; beide waren sehr freundlich aber unverbindlich - am ehesten schien ihnen der Auftritt des Bettnachbarn gegenüber peinlich zu sein - gemischt mit einer neugierig-abwartenden Haltung, wie sich die Situation wohl weiter entwickeln würde. In mir kamen etliche Fragen auf, bevor ich mich dem Patienten am Fenster zuwandte: Was mag der Patient in Bett 3 wohl für Erfahrungen mit Kirche und mit Menschen in der Kirche gemacht haben, dass er so sehr seine Stacheln aufstellen musste? Wie kam es, dass er mich so persönlich („…jetzt kommt der auch noch…”) ansprach, obwohl er mich persönlich mit Sicherheit nicht kannte? Wem in seiner Lebensgeschichte mochte diese hochagressive, verletzende Abwehr wohl gelten? Ich drehte mich um, schaute ihn an und fragte: „Was könnte passieren, wenn wir beide miteinander reden?” „Ach, bleiben Sie fort! So welche wie Sie kenne ich nur zu gut!” „So welche wie mich?” Es sprudelte (den Blick abgewandt) geradezu aus ihm heraus: Wie er als Kind vom Pfarrer gedemütigt worden war. Wie ihm in allem, was er eigenständig ausprobierte und versuchte, ein schlechtes Gewissen gemacht wurde. Wie sich die kirchlichen Moralvorstellungen wie eine schwere Last auf die damals noch junge Partnerschaft mit seiner Frau legten. Wie ihm sein suchender, unsicherer Glaube als Schwäche und Versagen suggeriert wurde, statt ihn ernst zu nehmen und ihm Raum zu geben. Und vieles andere mehr… Ich hatte eine Ohrfeige bekommen, die andere verdient hatten. Seine Befürchtung war, dass all dies eine Erneuerung und Auffrischung erfahren würde, wenn er mich an sich heran ließe. Es tat immer noch weh - jetzt sollte es endlich einmal den anderen weh tun! Er fürchtete sich vor neuen Verletzungen. Und haute mir all die an ihm geschehene Gewalt um die Ohren. Hätte ich versucht, ihm all diese Erfahrungen auszureden, zu argumentieren, zu überzeugen, zu missionieren, „Harmoniesauce” über all das gießen zu wollen, seine Entscheidungen zu bewerten: ich hätte mich genau in die Reihe all derer gestellt, die er bei seiner Art von Begrüßung aus seinem Leben „rauspoltern” wollte. Er erlebte in mir einen Gesprächspartner, der ihn mit all seinen Erfahrungen ernst nahm und sie ihm als echt lassen konnte; ich stellte mich seiner Suche, die ihn viele Jahre seines Lebens getrieben hatte, und schaute mit ihm in diese mittlerweile verstaubten Winkel, - pustete mit ihm gemeinsam die Ablagerungen so vieler Jahre weg, dass er sich auf einmal wieder neu spürte. Und er konnte erleben, dass er sich in Gegenwart eines “Menschen der Kirche” so spüren durfte, ohne wieder im alten Stil “auf Grund laufen” zu müssen. Allmählich wurde er ruhiger, konnte mich immer öfter auch mal anschauen. Dann war er eine Weile still - und dann fragte er verwundert und irritiert: „Was sind Sie - der katholische Seelsorger hier?” Ich nickte. Er: „Da schauen sie mal an - und da haben wir so normal miteinander geredet!” Ich hatte seine Wut, seinen Ärger gespürt und ihm gelassen; das war ihm mit der Kirche so noch nie passiert. Und scheinbar zum ersten Mal in seinem Leben hatte er mit einem Seelsorger so sprechen können, dass es ihm leichter ums Herz werden konnte. Das war fast unfassbar! Wenn Frauen und Männer, die in der (Krankenhaus-) Seelsorge arbeiten, ihr Gegenüber nicht zu beeinflussen versuchen, zu konditionieren, wenn sie den anderen ernst nehmen und sich bemühen, als Mensch mit ihm in Beziehung zu kommen, dann steckt da viel mehr Verkündigung drin, als wenn ich z.B. ein Gebet “liebevoll aufdrängen” würde. Mit gut geschulter Intention und Schwingungsfähigkeit gilt es, Menschen und Situationen zu ahnen, zu erfassen, um sie aus dieser Einfühlung heraus mit ihren eigenen inneren Stimmen anzusprechen. So können sie sich wiederfinden in der Begegnung mit dem/der Seelsorger/-in und an ihre eigenen Fragen gelangen. Wenn ich zulassend, werbend, geduldig, liebevoll, in gewaltfreier Kommunikation, emphatisch mich bemühe, mit dem inneren Ton des anderen Menschen mitzuschwingen, kann er mich als Gegenüber spüren und als Mensch ernst nehmen; er kann merken, dass ich mit eigener Lebens- und Glaubenserfahrung und mit meinen Unsicherheiten mich seinen Erfahrungen stelle und seine Unsicherheiten mit auszuhalten versuche. Wenn er/sie spüren darf, dass ich in all dem nicht unerschütterlich sicher bin, sondern auch Lernender und Suchender und immer wieder auch Zweifelnder, dann kann sich ein verbindendes Gefühl von Solidarität zwischen mir und dem/der anderen einstellen, das über viele Untiefen hinweghilft - so muss ich mich nicht in die scheinbare Sicherheit meiner Rolle flüchten. Dann brauche ich nicht unbedacht zu konfrontieren, muss die Not des anderen nicht generalisieren, muss ihm nichts überstülpen, um die Situation aushalten zu können. Das verstehe ich unter „Zärtlichkeit der Seelsorge”. All dies gilt ebenso für alle anderen (seelsogerlichen) Kontakte im Krankenhaus, nicht nur für die Begleitung von PatientInnen. Denn auch die Krankenschwester, der Pfleger, der Chefarzt, auch der “Transporter”, die Reinigungskraft und die Küchenhilfe sind Menschen, die in bestimmten Situationen ihres Lebens jemanden brauchen, der ein Stück des Wegs mit ihnen geht und schaut. Daher mag und kann ich immer wieder nur Krankenhaus-Seelsorger sein - nicht Kranken-Seelsorger. „Wir erleben den natürlichen Zauber einer Begegnung, wenn wir lernen, anderen Menschen so zu begegnen, als würde ein Teil von uns selbst nach Hause kommen.” (St. Ludwig)
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