Ein bergender Raum, der menschliche Grenzen überwindet

von Maria Anna Leenen

Langsame, ausgreifende Bewegungen kreisen und umgreifen vorsichtig sanft den kleinen Körper. Ein kräftiges Ziehen und Walken, energisch und doch achtsam streichen die Hände zu den Seiten; weich und kraftvoll zugleich wird das duftende Öl mit wohltuendem Druck nach und nach über Brust und Bauch verteilt und einmassiert. Unmerklich durchströmt die feine Minznote den Raum, entspannt und harmonisiert. Nach kurzer Zeit schon beruhigt sich die aufgeregte Stimmung des Kleinkindes. Sein Gesicht wird friedlich, der verkrampfte Körper löst sich. Das Kind schläft ruhig ein. Die liebevolle Berührung der Hände vermittelt ihm Geborgenheit, die Wärme der heilsamen Massage mit dem aromatischen Öl schenkt Zuwendung. Körper und Seele finden in ihren Gleichklang zurück.

Zeichen der Freude – Symbol der Kraft

Lindernde, heilende Kostbarkeit des Olivenbaumes – schon in der Antike war das Einreiben oder Übergießen mit dem grüngoldenen Öl bekannt. Als Trägersubstanz besonderer Kräfte vermutet oder als wertvolles Heilmittel erprobt und geschätzt, war es Zeichen für Segen und Zuspruch der Götter. Auch das Alte Testament berichtet immer wieder von verschiedenen Salbungen, mit denen Menschen in einen besonderen Dienst für Jahwe genommen wurden. (vgl. Exodus 29 f) Aber auch Gegenstände wie Altar, Leuchter, Offenbarungszelt oder Tempelgeräte werden mit Öl eingerieben, begossen oder besprengt (vgl. Exodus 30,22 f). Die sorgsam zubereitete Mischung aus Balsam, Olivenöl und Gewürzen soll ein heiliges Salböl für die Israeliten sein, nur für den Kult bestimmt. Alles, was damit geweiht ist, wird unwiderruflich in den Bannkreis Gottes gezogen. „So sollst du sie (die Gerätschaften) weihen, damit sie hochheilig seien; ein jeder, der sie berührt, wird heilig“ (Exodus 30, 29).

Das herab tropfende Öl symbolisiert den Segen Jahwes, der herabsteigt, Menschen und Gegenstände stärkt für Leben und Dienst im seinem Namen.

Auch die ersten Christen behielten den Brauch bei, Menschen und Gegenstände zu salben. Nun aber wird diese Praxis ganz klar in einen kirchlichen Kontext gestellt. Dabei wurde schon bald deutlich unterschieden zwischen einem allgemeinen Gebrauch des Öls und der Salbung durch einen Presbyter. Am Vorbild des Herrn selbst und seiner Apostel orientiert, übernahm die Kirche die Salbung und stellte sie zusammen mit Gebeten um Sündennachlass in den Dienst der ganzheitlichen Heilung des Menschen. Ganz deutlich bringt es der Evangelist Markus zur Sprache. Er berichtet von den Zwölfen, sie „... machten sich auf den Weg und riefen die Menschen zur Umkehr auf. Sie trieben viele Dämonen aus und salbten viele Kranke mit Öl und heilten sie“ (Mk 6,12f). Auch der Jakobusbrief, etwas später entstanden als das Markusevangelium, berichtet von Salbungen, um die der Christ bitten soll und darf: „Ist einer von euch krank? Dann rufe er die Ältesten der Gemeinde zu sich; sie sollen Gebete über ihn sprechen und ihn im Namen des Herrn mit Öl salben. Das gläubige Gebet wird den Kranken retten und der Herr wird ihn aufrichten; wenn er Sünden begangen hat, werden sie ihm vergeben“ (Jak 5,14+15).

Tröstende Stärkung – vertrauender Mut

Krankheiten und die Folgen von Unfällen und Gewalttaten sind in jedem Lebensalter nicht nur eine schwere Beeinträchtigung des körperlichen Wohlbefindens. Aus dem aktiven Alltag herausgerissen, konfrontiert mit Begrenzungen und Schmerz sind solche Zeiten auch oft mit Identitätskrisen und Anfechtungen im Glauben verbunden.
Das Vertrauen auf Gott, der doch das Heil aller Menschen will, kann in eine große und kaum zu ertragende Spannung geraten. Das Kinderbild vom „lieben Gott“, vielleicht nie hinterfragt und gereift ins Erwachsenenalter transportiert, zerbricht und zerbröselt dem Kranken zwischen den Händen. Zu Schmerz und körperlichem Leid kommt die seelische Qual, sich vom guten Gott in ein anscheinend bodenloses Dunkel geworfen zu sehen.

Wie alle Sakramente ist auch die Krankensalbung ein Ereignis und kein magischer Kraftzufluss. Durch die Taufe hineingenommen in das Leben und Schicksal Jesu öffnet der mit dem gläubigen Gebet verbundene Ritus einen bergenden Raum, in dem die liebevolle Zuwendung Gottes geschenkt wird und den Empfänger neu prägt. Die Heilige Schrift erzählt immer wieder von den Berührungen des Rabbis aus Nazareth, mit denen er Kranke, Leidende, durch Behinderungen ausgegrenzte und dem Tod nahe Menschen aufrichtet, tröstet, stärkt und heilt.

Die biblischen Berichte stellen in diesem Zusammenhang Gottes weise Pädagogik vor Augen, die uns über die geistigen Wirklichkeiten unterrichtet, in dem sie die irdischen Erfahrungen des Menschen mit den materiellen und elementaren Symbolen zu Hilfe nimmt. Denn: Geschieht schon zum Beispiel mit der zärtlichen Berührung einer Mutter, die ihr Kind einreibt und mit einer Massage beruhigt, ein starkes Zeichen der Zuwendung, das Trost und Halt schenkt, wie sehr dann erst die Berührung dessen, der die Zuwendung Gottes zu den Menschen in Person ist und der die Vollmacht hat, das Böse zu bannen, die Herzen zu heilen und dessen Wirkmacht so groß und allumfassend ist, dass er alle Verwundungen des Menschen heilen kann. Deutlich wird aber auch bei vielen Perikopen: Der Blick des Herrn ist auf die enge und den Menschen tief prägende Verbindung von Körper, Seele und Geist gerichtet. Heilung betrifft nicht nur Glieder und Organe des Körpers, auch die Wunden der Seele hindern am Leben und brauchen den Arzt, der tiefer blickt als ein Röntgengerät jemals dringen könnte.

Aktiv einfinden in das Leiden des Herrn

Ebenso weist die Krankensalbung denjenigen, der durch Krankheit und Schmerz ausgegrenzt ist, auf die Dimensionen der Gemeinschaft mit und in Gott hin. Sie schenkt ihm innige Teilhabe daran, stillt die Sehnsucht nach der Vollendung und facht sie zugleich neu und intensiver an. Gerade der leidende Mensch erfährt so auch, dass seine schmerzhaft begrenzten Fähigkeiten Aufgabe sind, sich auf den unbegrenzten Heilswillen Gottes zu stützen und verstärkt auszurichten. Indem der Kranke sich so als begrenzt und schwach hinein genommen weiß in die Liebe Gottes, kann die Erkenntnis wachsen, wie sehr wir Menschen auf Gottes Erbarmen angewiesen sind. Wie sehr wir aber auch auf diese unerschöpfliche Zuwendung hoffen dürfen – für uns und für die anderen! Die Gnade der Krankensalbung öffnet Herz und Augen für die Hinfälligkeit des Menschen, dessen Pläne immer wieder Jahrhundertcharakter haben und doch so fragil und vergänglich sind wie Laub, das sich im Frühjahr glänzend grün entfaltet und schon ein paar Monate später verwelkt zu Boden sinkt. Und sie öffnet das innerste Herz dafür, dass in dieser Hinfälligkeit eine tiefe, Freude auslösende Verheißung verborgen ist.

Wer sich so angenommen und in die Hände Gottes gelegt weiß, bereitet in seinem Herzen den Boden für das fürbittende Gebet. Leiden und Krankheit sind irdischer Alltag, millionenfach erlitten in jeder Stunde des Tages und der Nacht. Gestärkt durch die Gnade der Salbung kann der Kranke sich aktiv einfügen in das erlösende Leiden des Herrn und so, gerade in seiner Schwäche, mithelfen am Aufbau des Reiches Gottes. Die Leiden - mit dem Blick auf das Taufversprechen ertragen - werden zum Mitsterben mit Christus und ergänzen für den Leib Christi, vie Kirche, was an den Leiden Christi noch fehlt. (vgl. Kolosser 1,24)

Gesprengte Grenzen

Salbungen mit geweihtem Öl begleiten den Gläubigen vom Beginn seines christlichen Lebens an bis zum irdischen Ende. Mit all den verschiedenen Verständnisebenen verbunden ist Salbung auch ein Bildwort für die durch die Sakramente geschenkte und erneuerte Gabe des Heiligen Geistes. Die Spendeformel der Krankensalbung sagt es nachdrücklich: „Durch diese heilige Salbung helfe dir der Herr in seinem reichen Erbarmen, er stehe dir bei mit der Kraft des Heiligen Geistes: Der Herr, der dich von Sünden befreit, rette dich, in seiner Gnade richte er dich auf.“

In der Nachfolge des Jesus von Nazareth zu leben ist nur möglich in der Kraft dieses Geistes, der sich in jedes Herz ergießen will. Jeder Getaufte - ob alt oder jung, krank oder gesund - lebt aus dieser Gnade, gestaltet und entwickelt sein Leben auf Gott hin aus dieser Kraft. Auch den letzten irdischen Schritt auf Gott hin, den der Mensch im Glauben gehen muss, kann er nur so bewältigen. Die vertrauensvolle Hingabe im Tod, das Loslassen aller Bindungen und den Schritt ins Dunkel kann nur der gehen, der sich dieser Geisteskraft öffnet und hinhält. Das Sakrament der Krankensalbung schenkt diese Kraft der Nähe des Herrn, der das Dunkel des Todes selbst erleiden musste und erleiden wollte um des Menschen willen. Damit sprengt dieses Sakrament die Grenzen, die menschlicher Hilfe gesetzt sind und zeigt auch hier, dass Gottes Möglichkeiten, dass seine Liebe Zeit und Raum überwinden und den Menschen, der sich – wenn auch vielleicht erst in letzter Sekunde – hoffnungsvoll Gott zuwendet, auf ewig ins Licht holen können.

button(1/07, S.20-21)

 

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