Weihnachten 2000 Jahre Menschwerdung

von Dagmar Dewald

Ihr aber, für wen haltet ihr mich? – Jeder von uns muss sich einmal dieser Frage stellen, die Jesus an seine Jünger richtete. Petrus bekannte: Du bist der Messias (Mk 8,29). Und mit der Kirche bekennen auch wir immer wieder Jesus als Messias, als Sohn Gottes, als Heiland und Erlöser. Doch ist das auch unsere persönliche Antwort, ist sie von den Lippen ins Herz eingedrungen? Wer also ist Jesus für mich, für dich? Es lohnt sich über zweitausend Jahre nach der Menschwerdung Gottes im Stall von Bethlehem, unsere eigene Antwort zu erforschen.

Es ist Gottes sehnlichster Wunsch, uns nahe zu kommen. Er will unser Vertrauter, unser nächster Freund sein, mit dem wir über alles sprechen können, auch über die «unbedeutenden» Kleinigkeiten. Er will immer in unserem Leben sein. Warum eigentlich? Das hat doch der hohe Gott gar nicht nötig! Er braucht uns doch nicht! Das Schöne aber ist: Gott will uns brauchen. Er hat uns aus Liebe geschaffen, um uns an seiner Seligkeit teilhaben zu lassen.

Und weil es nicht genug war, dass Gott durch die Propheten und durch Wundertaten zu uns gesprochen hat, da ging er in seiner Liebe so weit, dass er Mensch geworden ist, einer von uns. Damit hat er gezeigt, dass er kein ferner Gott ist, der im Universum thront, unberührt und gleichgültig gegenüber unserem Geschick. Im Gegenteil: Freiwillig teilt er jetzt das Menschenschicksal mit uns. Der Gott ohne Anfang und ohne Ende tritt ein in die Zeit, in die Geschichte und wird von nun an immer ein menschgewordener Gott sein.

Wenn wir die Evangelien aufmerksam lesen, vor allem Lukas, Markus und Matthäus, können wir immer nur staunen, wie sehr Jesus Mensch war, in seinem Wachsen und Werden, in den Gefühlen und Versuchungen, in seinen Schmerzen und Leiden. Gott hat sich in einer grundsätzlichen Entscheidung in unser Erdenleben begeben: Er wollte von seinem Gottsein herabsteigen. Paulus sagt: «Er war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest, wie Gott zu sein, sondern entäußerte sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich. Sein Leben war das eines Menschen». (Phil 2, 6-7)

Aber warum ist Gott ein so ohnmächtiger Mensch geworden? – Jesus hat sich seines Gottseins entäußert, um nichts von sich, sondern alles vom Vater zu erwarten. Und damit hat er uns die Fährte gelegt, wie unser menschliches Dasein einzig gelingen wird: indem wir alles vom Vater erwarten. Wie Jesus werden wir alles vom Vater erhalten, wenn wir ihm uns ganz hinhalten, ganz anvertrauen, mit unserem ganzen Sein. Und Jesu Leben sollte eine Ermutigung für uns sein: Keine menschliche Regung ist ihm fremd, auch unsere Versuchungen hat er durchgestanden, alle Schmerzen hat er erlitten. Weil Gott nichts Menschliches fremd ist, können wir uns ihm ganz anvertrauen.

Sich Gott anzuvertrauen, sich ihm hinzuhalten, das ist nichts anderes als Gehorsam, als «den Willen des Vaters zu tun». Diese Speise Jesu, «den Willen dessen zu tun, der mich gesandt hat» (Joh 4,34), soll auch unsere Speise sein. Und diese Speise macht uns zu Verwandten Gottes: «Wer den Willen Gottes erfüllt, der ist für mich Bruder und Schwester und Mutter.» (Mk 3,35)

Mit seinem ganzen Leben zeigte uns Jesus also, dass der Mensch nur dann ein erfülltes Leben führt, wenn er den Willen des Vaters tut. So gelangen wir zu unserem eigenen Selbst und zu einem glücklichen Miteinander. Ein Leben im Frieden und in der Freude Gottes, wenn auch kein leid- und schmerzfreies Leben. Wir stoßen unweigerlich auf das Kreuz, an dem Jesus ein bitteres, unbegreifliches Ende nahm. «Obwohl er der Sohn war, hat er durch Leiden den Gehorsam gelernt.» (Hebr. 5,8) Warum?

Diese Frage lässt sich für unseren Verstand nicht lösen. Auch die Jünger Jesu haben es nicht verstanden. Immer wieder hat Jesus sie darauf vorzubereiten versucht, nachdem sein Leben erkannt hatte, welchen Ausgang er in Jerusalem nehmen würde. Wie die Jünger zu aller Zeit, in jedem Jahrhundert, so «verstehen» wir das Leid nur in der Nachfolge. «Wer mein Jünger sein will, der nehme täglich sein Kreuz auf sich und folge mir nach.» (Lk 9,23)

Auch im Leiden ist Jesus ganz Mensch. Am Ölberg sehen wir ihn mit dem Vater ringen. Er ist verzagt und schwitzt Blut. In seiner Todesangst will er dem Leiden ausweichen. Gleich dreimal setzt Jesus an, den Vater drängend um Schonung zu bitten. Dann nimmt er den Leidenskelch aus der Hand des Vaters an: «… nicht wie ich will, sondern wie du willst.» (Mt 26, 9)

Werden auch wir in unserem Leben mehr und mehr alles aus der Hand des Vaters annehmen? Das Schöne, die Freude, die Begegnungen mit anderen, aber auch die täglichen kleinen Widrigkeiten, die grösseren Leiden, den Tod? Wir entziehen uns oft dem Vater, mitunter ohne dass wir es merken: indem wir allein nach unseren augenblicklichen Bedürfnissen fragen und Gott keinen Raum geben. Das war bei Jesus grundlegend anders. Er hat sich nie dem Vater entzogen. Er war stets auf den Vater ausgerichtet, hielt immer Zwiesprache mit ihm. Er war «in allem uns gleich, ausser der Sünde.» (Hebr 4, 15)

Das ist es, ohne Sünde zu sein: stets durchlässig sein für den Willen des Vaters. In dieser Liebe zum Vater war Jesus glücklich. Aus dem Blick des Vaters heraus konnte Jesus tief in die Herzen der Menschen sehen und war hellsichtig für die Vorgänge um ihn herum. Ohne Sünde zu sein – das konnte freilich nur Gott. Und ist das nicht gewissermassen der Pferdefuß? Wir, die wir mit der Erbsünde behaftet sind, können doch gar nicht ohne Sünde sein! Wozu dann sich vergeblich abmühen?

Es stimmt, wir selber können nicht sündenlos werden, schon gar nicht aus eigener Kraft. Aber dazu kam Gott ja auf die Welt, um uns seine Kraft zu schenken. Die Menschwerdung Gottes zielt auf unsere Teilhabe an Gott. Wir dürfen alle Last, alle Sünden auf ihn werfen: sie ihm täglich hinbringen, sie ihm übergeben, damit er sie verwandle. Er kann uns helfen in jeder Bedrängnis, er kann uns heilen von aller Krankheit, er kann uns befreien aus allen Verstrickungen. Wenn wir ihm glauben.

Es ist der Glaube, der heilt. So sagt es Jesus selbst mehrfach bei Begegnungen mit Menschen, die sich von ihm heilen lassen wollten. Und wir glauben ihm, indem wir uns ihm ganz anvertrauen, täglich, in jeder Frage, unser ganzes Leben lang. Unser Leben sollte auch langsam zur Zwiesprache mit Gott werden. Eine Zwiesprache, die nicht viele Worte machen muss, sondern sich in der Haltung des Vertrauens ausdrückt.

button(1/07, S.22-23)

 

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