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Erfurt: Familiäre Atmosphäre statt Apparat

"Einen schönen Gruß ans Kollektiv", sagt Carsten Kießwetter scherzhaft und legt den Hörer auf. Soeben ist der Bischöfliche Pressereferent mit dem Redakteur der Kirchenzeitung telefonisch die anstehenden Termine der nächsten Woche durchgegangen.

Der Pressereferent des Bischöflichen Ordinariates Erfurt ist nach der Wende aus Würzburg nach Erfurt gekommen. Sein "Gruß ans Kollektiv" ist flapsige Anspielung auf Sprachgepflogenheiten, die der 35jährige selbst bei zahlreichen DDR-Besuchen kennengelernt hat. "Der Erfurter Bischof Joachim Wanke war im Westen bekannt", sagt der studierte Politikwissenschaftler. Und: "Als ich zum ersten Mal das Bischöfliche Amt Erfurt besucht habe, weil ich mich für die freie Stelle des Pressereferenten interessierte, hat mich sofort die familiäre Atmosphäre und enge Zusammenarbeit von Bischof und Mitarbeitern fasziniert", sagt Kießwetter. "Die Amtswege hier im Haus sind kurz." Zwanglos ist der Kontakt ins Sekretariat des Bischofs. "Gott sei Dank hat hier eine Überinstitutionalisierung nie stattgefunden" sagt der Journalist. Andererseits spürt Kießwetter die schmale Personaldecke Tag für Tag am eigenen Leib: Telefonat um Telefonat, Termin um Termin. Auch in diesen Minuten.

Der Pressereferent – ein gefragter Mann

Amnesty International ruft an und möchte eine Stellungnahme des Bischofs zur Asylfrage. Ein Redakteur der Thüringer Landeszeitung möchte wissen, wer bei der Ökumenischen Abschlußstunde von Bistumswallfahrt und Evangelischem Kirchentag sprechen wird. Vorhin hat sich bereits ein Redakteur des MDR-Fernsehens nach dem Ablauf der Abschlußfeier erkundigt. Es ist höchste Zeit, die Presseunterlagen für den Wallfahrtstag zusammenzustellen, sagt Carsten Kießwetter.

Mit aktuellen Presseinformationen per Telefax und einem monatlichen Pressedienst per Post macht der Referent die Redaktionen von Zeitungen, Hörfunk und Fernsehen auf kirchliche Veranstaltungen und Inhalte aufmerksam und lädt so Journalisten zum Berichten ein. Andererseits verfolgt er für den Bischof und die Abteilungen des Ordinariats die Veröffentlichungen in den Medien zu allem, was für die Kirche von Bedeutung ist. So gut es geht und zeitlich möglich ist, bemüht sich der Journalist um gute persönliche Kontakte zu den Redaktionen.

Kießwetter ist hilfsbereit, engagiert sich, macht vieles möglich. Notfalls auch mit unkonventionellen Mitteln. Das wissen die Redakteure von Presse, Hörfunk und Fernsehen. Und schätzen den Pressereferenten des Bischofs, obwohl oder vielleicht auch gerade weil viele von ihnen – wie auch 75 Prozent ihrer Leser – keine Ahnung von der Kirche haben.

Persönliche Kontakte öffnen neue Wege

Seit gut einem Jahr schreibt Bischof Wanke zu Festen wie Weihnachten, Pfingsten oder Maria Himmelfahrt einen Artikel in der Thüringer Ausgabe der Bild-Zeitung. Der Leiter der Erfurter Bild-Redaktion hatte Kießwetter eines Tages dieses Angebot nach einem Gottesdienst unterbreitet. "Daß wir das machen, ist nicht unumstritten", sagt der Pressereferent. "Manche belächeln uns, andere lehnen das glattweg ab. Doch der Bischof und ich sehen darin eine Möglichkeit, vielen Menschen ein Stück Glaubensgrundwissen und schlicht und einfach Grundkulturbestände unserer abendländischen Zivilisation näherzubringen."

Was christlicher Glaube in seiner ganzen Tiefe bedeutet, ist allerdings nur begrenzt über die Medien zu vermitteln, sagt Kießwetter. "Am besten ist dies noch am Beispiel konkreter Menschen rüberzubringen, deren Leben auch auf Nichtchristen glaubwürdig wirkt." Die Kirche immer wieder positiv in den Medien ins Gespräch bringen mit ihrer Botschaft, das möchte Kießwetter.

Ein Thema: Beruf und Privatsphäre

Einen geregelten Acht-Stunden-Tag kennt der Pressereferent nicht. Er ist zwar meistens morgens um 8.00 Uhr in seinem Büro. Aber wie sich der Tag dann entwickelt und wann er am Abend bei Frau Antje und Sohn Kilian sein kann, ist häufig offen. "Als wir geheiratet haben, wußte meine Frau, worauf sie sich einläßt", sagt Kießwetter. Und er kann seitens seiner Familie auf Verständnis rechnen. Wo es bei Wochenendterminen wie etwa der Männerwallfahrt ins Eichsfeld paßt, nimmt Kießwetter seine Frau und den dreieinhalb Jahre alten Kilian mit. Und wenn Samstag/Sonntag kein Medientermin ansteht, fahren Kießwetters oft zu Eltern oder Freunden. "Nur so ist dann am Wochenende auch mal Schluß mit der Arbeit", sagt der Journalist.

Um ab und zu intensiv etwas für sich und seinen Glauben zu tun, fährt der Medienmann einmal im Jahr zu Exerzitien. "Es ist schon eine Gefahr für die eigene Glaubenspraxis, wenn man, wie ich, öfter zu Gottesdiensten dienstlich hingehen und darauf achten muß, welcher Predigtsatz sich am besten in der Pressemitteilung zitieren läßt oder ob der Kameramann nicht zu dicht in den Altarraum kriecht."

Immer auf der Suche nach neuen Kanälen

Kießwetter möchte gern noch offensiver an die Medien herantreten. "Ich würde noch viel mehr in die privaten Medien hineingehen", sagt der Journalist. Doch da gebe es manchen Vorbehalt. Sonst aber ist er zufrieden, mit welcher Offenheit er über das vielfältige Engagement und Leben der Christen und die Arbeit der Hauptamtlichen in der Erfurter Ortskirche berichten kann. Traurig stimmt ihn jedoch, daß die Arbeit der Medienleute in und außerhalb der Kirche wenig geschätzt wird. " Kritisiert ist schnell, aber die wenigsten anerkennen, wie arbeitsintensiv und komplex diese Aufgabe ist. Und daß ein kritischer Beitrag der Kirche noch lange nicht schaden muß."

Wieder klingelt das Telefon in Kießwetters Büro. Jemand will die Anschrift von Carl Friedrich von Weizsäcker wissen. Der Medienmann sagt nicht, daß er dafür nun wirklich nicht zuständig sei, sondern greift zum Handbuch des öffentlichen Lebens und gibt die verlangte Adresse durch. "Es sind sehr viele solcher Anfragen", sagt der Referent

Inzwischen ist es fast 17.00 Uhr. In der benachbarten Brunnenkirche erhalten an diesem Abend vier Gemeindereferentinnen von Bischof Wanke die kirchliche Sendung "Missio canonica". Kießwetter macht sich auf den Weg in die Kirche. Er wird ein paar Fotos und einen Bericht für die Zeitungen machen.

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