Nicht nur Können, sondern auch Verantwortung

Faszination Medienberuf

Fragt man junge Leute heute, was sie denn einmal werden wollen, wird als möglicher Berufswunsch oft der Journalist genannt. In einer Kirchengemeinde war im Rahmen der Firmvorbereitung – beispielsweise – die Projektgruppe "Journalismus" überfüllt. Interesse? Neugier auf Neues? Jedenfalls werden Medien und Mediennutzung heute als normal und aufregend zugleich erlebt. Medien sind langweilig und interessant, gut und schlecht, voller Wirkung und – im großen ganzen – auch wieder wirkungslos. Je nachdem.

Will ich Werte vermitteln, welche?

Daß Medien heute große Wirkung haben auf Vorstellungen, auf die Vermittlung von Werten, gilt unbestritten. Was wir begrüßen, ablehnen, was uns anzieht oder abstößt, ist uns oft von Medien vermittelt worden. Die Medien liefern uns das

Tagesgespräch in Familie und Beruf. Was dort, zum Beispiel im Fernsehen, fiktional, d.h. als Filmthema, angesprochen wird, gilt schon bald im eigenen Leben und Lebensraum als normal, zumindest als möglich. Medien vermitteln Werte und stellen auch eine Art Prioritätenliste auf.

Das ist klar, aber nur selten wirklich bewußt. Wer sich als (Kirchen-) Journalist an die Arbeit macht, muß sich vorher dessen bewußt sein, wenn er andere "bewußter" machen will. Wenn in den Medien Werte vermittelt werden, muß gefragt werden, welche vermittelt werden sollen. Karriere? Geld? Menschenverachtung? Oder nicht doch Solidarität? Menschlichkeit? Freiheit?

Die Werte der Bibel

Es stellt den enormen Schatz der Bibel dar, daß es genau diese Werte sind, die wir in den Medien vermitteln sollten und wir in diesem Buche finden können. Die Ruhe des Sonntags, des Sabbats – der Mensch ist mehr als Arbeit und Aktionismus, sondern zur Ruhe befähigt und zur Feier bemächtigt. Das Leben, d.h. auch die Arbeit, wird vollendet in der Ruhe und im Fest. Das sagen heute auch die Gewerkschaften, aber schon in der Bibel steht es.

Ehrlichkeit und Wahrheit,Offenheit – man lese den Ersten Petrusbrief, Kapitel 3, Verse 15 und 16. "Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt, aber antwortet bescheiden und ehrfürchtig, denn ihr habt ein reines Gewissen." Offenheit für jedermann, Öffentlichkeit also, keine Geheimlehre. Die Botschaft gilt allen. Die Kunde nämlich, daß die biblische Botschaft als Hoffnung Menschen derart erfüllen kann, die zur Rechenschaft gegenüber anderen geradezu drängt. Das Ganze bescheiden tun, das Kleine beachtend, nicht nur die Lauten der Welt zu Wort kommen lassend. Ein reines Gewissen dazuhin, also wahrhaftig und ehrlich, denn Genauigkeit ist gefragt. Oder Recherche, wie die Journalisten sagen würden.

Das Kleine sehen: "Lasset die Kinder zu mir kommen" – das Kleine sehen, zumindest nicht übersehen. Ihre Art zu leben und zu denken ist nachahmenswert, "denn ihrer ist das Reich Gottes". Nicht der Große und Starke zählt (allein), sondern der Schwache, der Unterlegene. Die Verlierer also, und da gibt es einen Anknüpfungspunkt für den Journalisten, wie es keinen zweiten gibt. Schaut auch auf die Verlierer, auf die, die es in Politik und Sport nicht geschafft haben. Wenn das geschieht, dann gelingen Reportagen von seltener Schönheit:

warmherzig, solidarisch, manchmal sogar zart.

Hinschauen, nicht weglaufen: Opfer – ein wichtiges Wort in der Bibel, von Abraham bis Jesus. Sich selbst opfern, für einen Menschen oder für eine große Sache – ja. Aber andere gegen ihren Willen zum Opfer machen? Das heißt für unseren Zusammenhang: Hinschauen, nicht weglaufen, sondern ganz genau berichten, wer die Opfer sind, wer die Zeche bezahlen muß, wem immer und immer wieder die Rechnung aufgemacht wird, ohne je eine Bestellung getätigt zu haben. Also: Journalisten berichten über Opfer und versuchen, durch ihre Arbeit keine weiteren zu produzieren.

Menschenwürde: Diese Forderung entspringt nicht erst dem Opfer-Gedanken. Das ergibt sich schon aus dem biblischen Menschenbild. Ebenbild Gottes ist der Mensch, oder genauer: Nach dem Ebenbilde Gottes erschaffen. Wenn das so ist, wer das wirklich glaubt, hat ein Kriterium für sein Handeln. Im ganzen Leben, also auch im Beruf. In jedem Menschen kann man Gott begegnen, und wer sich am ersteren versündigt, versündigt sich auch gegen den zweiten. Die Bibel gibt all' den Schlagwörtern wie "Menschenwürde", "Freiheit" oder "Recht auf Leben" den argumentativen Unterbau. Für einen Journalisten kann das hilfreich und befreiend sein. Farbfotos der nacktbadenden Steffi Graf, von einem Hubschrauber aus geschossen (sic!), sind eben kein moralisches Problem, sondern ein menschliches. Das ist kein Journalismus, sondern Voyeurismus, im Grunde Prostitution eines Berufstandes.

Widerständig gegen Ideologien: Historisch betrachtet ist der Journalist ein Kind der Aufklärung. Aufklärung – ein gutes Stichwort. Hinter die Kulissen schauen, zeigen, wo in Wahrheit die Musik gespielt wird, den Mächtigen auf die Finger klopfen ("Die Mächtigen stürzt ER vom Throne"!), kurz: Er ist resistent gegen Ideologien, und er macht andere unanfällig für solche. Und es gibt nichts besseres gegen (unmenschliche) Ideologien als das Verständnis von Gott, der größer ist als jeder Mensch, der befreit und das Leben schenkt.

Auch Journalisten sind Kinder unserer Zeit

Natürlich kann man von einem Journalisten nicht mehr erwarten, als vom Rest der Gesellschaft. Aufforderungen zum Heroismus gehen auch bei ihm ins Leere, und mit Recht. Die, die mit Fingern auf ihn zeigen, haben zu Hause das Bild der Steffi im Hobby-Keller aufgehängt. Und die Aussagen der Bibel in Sachen "Heuchelei" sind einschlägig.

Menschen, die im Medienbereich arbeiten, haben eine Verantwortung. Diese ist keineswegs übermenschlich oder dergleichen. Die Verantwortung ist nur folgenreich, manchmal offenkundig, wenn sie nicht übernommen wird. Wer als Christin und als Christ journalistisch arbeitet, hat immerhin eine Richtschnur. Das ist nicht wenig, das ist sehr viel. Die Bibel im Gepäck, ihr Verständnis von Gott und Mensch, kann hilfreich sein, vorsichtig machen und mutig. Auch das ist nicht wenig, sondern viel. Aus eigener Erfahrung weiß ich: die Offenheit für dieses Buch schenkt auch Situationen, die einen Journalisten mit den manchmal niederträchtigen Seiten seines Berufs wieder versöhnen kann.

button(1/97 S. 14/15)

 

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